Hintergrund

Warum überhaupt GeDENKen?

Mathias Schabl

Das November Pogrom ist jetzt 72 Jahre her.
Warum also in alten Wunden wühlen?
„Wer aus der Geschichte nichts lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“
Es geht also beim GeDENKen um einen Denkvorgang. Noch dazu um einen, der äußerst gegenwartsbezogen ist.
Wir stellen uns die Frage „Was hätte ich damals getan? Hätte ich den Mut gehabt, hier HALT zu sagen?“
Diese Frage ist bequem, weil sie im hypothetischen bleibt.

Die eigentliche Frage lautet „Müssten wir nicht schon wieder und zwar genau jetzt zu etwas HALT sagen?“
Oder wiederholen wir bereits etwas?

Was ist am 9. November 1938 in Korneuburg passiert?

Die Antwort: Nichts ist passiert. Und doch ist etwas passiert.
• In Korneuburg hat keine Synagoge und kein Bethaus gebrannt. Wohl aber in Wien und in vielen anderen Städten im deutschen Reich
• Kein Jude und keine Jüdin ist am 9. November in Korneuburg umgebracht worden. Nicht am 9. November und nicht in Korneuburg. Aber danach, in Auschwitz, in Buchenwald, in Treblinka.
• Vom 9. November wird nicht berichtet, dass Juden in Korneuburg Erniedrigungen erfahren und Schmierereien wegputzen mussten. Das ist in Korneuburg am Hauptplatz bereits im Frühjahr 1938 passiert.
• Die jüdischen Geschäfte wurden am 9. November in Korneuburg nicht demoliert und geplündert.
Die meisten jüdischen Geschäftsleute waren schon weg.

Und was ist jetzt in Korneuburg wirklich am 9. November passiert?
Spätestens ab diesem 9. November muss jedem klar gewesen sein, was Sache ist.
Es war in jeder Zeitung zu lesen, es war im Radio zu hören, man hat darüber gesprochen.
Spätestens hier hätte jeder aufrechte Korneuburger „Nein, das will ich nicht!“ sagen müssen, wenn er das nicht wollte.
Es ist nichts passiert. Das ist passiert.

Wie kann/soll man GeDENKen?

Wie ist GeDENKen ohne gefühlstriefendem Pathos, ohne Greuelbilder möglich?

Was fehlt, ist das NachDENKen, das Reflektieren, das Zusammenhänge erkennen, das Schlüsse ziehen.

Drei Gruppen sind sehr gut untersucht
• Die Gruppe der unschuldigen Opfer
• Die Gruppe der Überzeugungs-Täter
• und auch die Gruppe der tapferen Widerstandskämpfer

Was ist mit den anderen, der „schweigenden Mehrheit“?
Im Video nennen wir sie „Die Schnarcher“.

Warum gerade ein „virtueller“ GeDENKraum?

Die Juden sind fort. Die Orte Ihres ehemaligen Wohnens und Wirkens sind vergessen, verschüttet oder dienen anderen, meist profanen Zwecken.
Wir stehen also vor der nunmehrigen Ortslosigkeit der früher einmal Ortsansässigen.
Ein virtuelles Gedenken unterstreicht diesen Umstand.

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